Ist-Prozess aufnehmen macht gelebte Abläufe messbar. So erkennen Unternehmen Engpässe, sichern Qualität und legen die Basis für Automatisierung.

Einleitung

„Ist-Prozess aufnehmen“ heißt: den echten Alltag entzaubern. Nicht die PowerPoint-Version, sondern das, was wirklich passiert – inklusive Post-its, Workarounds und „das machen wir immer so“. Genau hier entsteht Transparenz für Optimierung, Automatisierung und Audit-Sicherheit.

Begriffsdefinition und Relevanz

Ein Ist-Prozess beschreibt den real gelebten Ablauf. Der Soll-Prozess ist die angestrebte, standardisierte Zielversion. Eine Prozesslandkarte ordnet End-to-End-Prozesse auf Makro-Ebene (z. B. Lead-to-Order, Order-to-Cash), während ein Workflow die konkrete Ausführung auf Mikro-Ebene dokumentiert.
Warum die korrekte Aufnahme so wichtig ist? Sie ist die Grundlage für belastbare Optimierung, Automatisierung (RPA/Low-Code), Compliance (ISO, GxP, IKS) und eine KPI-gesteuerte Steuerung.

Vorgehensmodell: Von Scope bis Validierung

  1. Ziel & Scope klären: Welche Prozessvariante, welcher Mandant, welcher Zeitraum? „Alles“ ist kein Scope.
  2. Stakeholder identifizieren: Prozess-Owner, Fachexperten, IT, Compliance, Kundensicht.
  3. End-to-End-Sicht wählen: Keine Tool-Tunnelblicke – vom Trigger bis zum Business-Outcome.
  4. Hypothese skizzieren: Grobablauf auf dem Whiteboard; was vermuten wir als Engpass?
  5. Datenquellen festlegen: Systeme, Tickets, Logs, Belege, CRM, E-Mails.
  6. Aufnahmeplan & Artefakte definieren: Termine, Leitfäden, Diagramm-Konventionen, Versionierung.
  7. Durchführung & Konsolidierung: Evidenz sammeln, Modelle zeichnen, KPIs rechnen.
  8. Validierung: Walkthrough mit Fachbereich; „stimmt das so?“ – erst dann freigeben.

Methoden der Prozessaufnahme im Detail

  • Interviews: Strukturierte Leitfäden; immer Beispiele und echte Belege erfragen.
  • Beobachtung (Gemba): Dort hingehen, wo Arbeit passiert. Stoppuhr schlägt Bauchgefühl.
  • Dokumentenanalyse: SOPs, Arbeitsanweisungen, Mails, Tickets – Realität vs. Papierlage.
  • Shadowing: Einer arbeitet, einer schaut zu und fragt leise „Warum?“
  • Task-Mining/Screen-Recording: Klickpfade und Zeit pro Aktivität objektiv erfassen.
  • System-Logs & Event-Daten: Timestamps für Durchlaufzeiten, Wartezeiten, Reworks.
  • Ticket-/CRM-Daten: Volumina, SLAs, Eskalationen – perfekte Quelle für Varianten.
  • SIPOC & Swimlanes: High-Level-Rahmen (SIPOC) plus Verantwortlichkeiten (Swimlane).

Einsatzpotenziale und messbarer Nutzen

Mit einer sauberen Prozessaufnahme bekommen Sie:

  • Transparenz über Durchlaufzeiten, Engpässe und Fehlerquellen.
  • Priorisierung von Verbesserungen (80/20 statt „Laute-Rufe-Prinzip“).
  • Automatisierungs-Roadmap: Was lässt sich standardisieren, was besser nicht?
  • Training & Onboarding: Kontextbezogene SOPs verkürzen Ramp-up-Zeiten.
  • Audit-Sicherheit & Compliance: Nachvollziehbarkeit von Kontrollen und Risiken.
  • Bessere KPI-Steuerung & Skalierbarkeit: Von Bauchgefühl zu belastbaren Zahlen.

Typische Fallstricke – und wie man sie vermeidet

  • Nur den Happy Path erfassen → Varianten & Ausnahmen systematisch mitdokumentieren.
  • Rollen verwechseln (Owner ≠ Ausführer) → RACI einsetzen.
  • Tool-Perspektive statt Kundensicht → Kunden-Trigger, -Wartezeit, -Outcome explizit.
  • Fehlende Versionierung → Namenskonventionen, Änderungslog, Freigabedatum.
  • Zu viel Detail → BPMN-Light, 5–7 Hauptschritte pro Ebene.
  • Keine Re-Validierung → Walkthroughs, Abnahme, Review-Zyklen.
  • Keine Datentriangulation → Interview + Log + Ticketdaten kombinieren.

Artefakte und Dokumentationsstandards

  • BPMN-Light: Start/Ende, Aktivitäten, klare Gateways (XOR/AND), Events.
  • RACI/Verantwortungsmatrix: Wer ist Responsible, Accountable, Consulted, Informed?
  • Inputs/Outputs & Trigger/Events: Was löst aus, was entsteht?
  • Business Rules: Entscheidungslogik, Checklisten, Service-Level.
  • Varianten & Ausnahmen: Nummeriert, mit Eintrittswahrscheinlichkeit.
  • Kontrollpunkte: SoD, Vier-Augen, Plausibilitäten.
  • System- und Datenobjekt-Bezug: Tabellen/Felder, Schnittstellen, Datenqualität.

Rollen, Governance und Kultur

  • Process Owner verantwortet Inhalt & KPI, Product Owner verantwortet Tool/Plattform.
  • Prozess-Reporter (Moderator/Dokumentierer) ≠ Fachexperten (Content).
  • Moderationsregeln: Timebox, Parking Lot, Evidenzpflicht.
  • Freigabeworkflow & Änderungslog: Jede Änderung ist nachvollziehbar.
  • Review-Zyklen (z. B. quartalsweise).
  • Working out loud: Offen teilen, was sich ändert – Akzeptanz steigt, Silos schrumpfen.

Werkzeuge und Templates

  • Interview-Checklisten & Notion/Confluence-Vorlagen.
  • Whiteboard-Tools (Miro/Lucid) für Kollaboration.
  • Diagramm-Tools (Signavio, Visio, draw.io) – Keep it simple.
  • Process-/Task-Mining für objektive Daten.
  • Repository-Struktur mit Namenskonventionen (z. B. OTC_1.2_Invoicing_v1.3_2025-11-15).

Praxisbeispiele und Trends

  • Order-to-Cash: DSO senken durch sauberes Billing-Gateway.
  • Rechnungsprüfung: Automatisierte 3-Way-Match-Kontrollen priorisieren.
  • Reklamationsprozess: Varianten sauber trennen (Garantie, Kulanz, Logistik).
  • IT-Joiner/Leaver: Zugriffskontrollen, SoD, Audit-Trail.
    Trends: AI-gestützte Process Discovery, kontextbezogene SOPs, Self-Service-Dokumentation, Automations-Playbooks mit messbarer Benefit-Hypothese.

Leitfaden für die eigene Einführung (kompakt)

  1. Start mit wertkritischem Prozess und klarer Kundensicht.
  2. 5–7 Hauptschritte, 2–3 Rollen, ein KPI-Set (Durchlaufzeit, First Pass Yield).
  3. Evidenz triangulieren (Interview + Log + Ticket).
  4. Varianten dokumentieren, Eintrittswahrscheinlichkeit & Effekte.
  5. Mit Fachbereich validieren, Abnahme festhalten.
  6. Governance festlegen (Owner, RACI, Freigabe, Review-Zyklus).
  7. Erst dann: Soll-Design entwerfen und Automatisierung priorisieren.

Mini-Beispiel: BPMN-Light in drei Zeilen

  • Start: Kunde sendet Bestellung (Event).
  • Aktivitäten: Prüfen → Buchen → Ausliefern → Faktura → Zahlung zuordnen.
  • Gateways: Prüfung ok? (XOR) → Ja: weiter; Nein: Rückfrage/Abbruch mit Regel „>1000 € = Vier-Augen“.

Schlussfolgerung

Wer den Ist-Prozess aufnimmt, gewinnt kein schönes Poster, sondern steuerbare Realität. Mit Datentriangulation, BPMN-Light und klarer Governance schaffen Sie Transparenz, Priorität und die Basis für nachhaltige Automatisierung – ganz ohne Prozess-Voodoo, aber mit spürbarem Business-Impact.


Key Facts

  • Ist-Prozess aufnehmen schafft Transparenz für echte Verbesserungen.
  • Datentriangulation verhindert blinde Flecken und Bias.
  • Leichtgewichtige Standards (BPMN-Light) erhöhen Akzeptanz.
  • Dokumentation + Governance sind die Basis für Automatisierung.