Ist-Prozess aufnehmen macht gelebte Abläufe messbar. So erkennen Unternehmen Engpässe, sichern Qualität und legen die Basis für Automatisierung.
Einleitung
„Ist-Prozess aufnehmen“ heißt: den echten Alltag entzaubern. Nicht die PowerPoint-Version, sondern das, was wirklich passiert – inklusive Post-its, Workarounds und „das machen wir immer so“. Genau hier entsteht Transparenz für Optimierung, Automatisierung und Audit-Sicherheit.
Begriffsdefinition und Relevanz
Ein Ist-Prozess beschreibt den real gelebten Ablauf. Der Soll-Prozess ist die angestrebte, standardisierte Zielversion. Eine Prozesslandkarte ordnet End-to-End-Prozesse auf Makro-Ebene (z. B. Lead-to-Order, Order-to-Cash), während ein Workflow die konkrete Ausführung auf Mikro-Ebene dokumentiert.
Warum die korrekte Aufnahme so wichtig ist? Sie ist die Grundlage für belastbare Optimierung, Automatisierung (RPA/Low-Code), Compliance (ISO, GxP, IKS) und eine KPI-gesteuerte Steuerung.
Vorgehensmodell: Von Scope bis Validierung
- Ziel & Scope klären: Welche Prozessvariante, welcher Mandant, welcher Zeitraum? „Alles“ ist kein Scope.
- Stakeholder identifizieren: Prozess-Owner, Fachexperten, IT, Compliance, Kundensicht.
- End-to-End-Sicht wählen: Keine Tool-Tunnelblicke – vom Trigger bis zum Business-Outcome.
- Hypothese skizzieren: Grobablauf auf dem Whiteboard; was vermuten wir als Engpass?
- Datenquellen festlegen: Systeme, Tickets, Logs, Belege, CRM, E-Mails.
- Aufnahmeplan & Artefakte definieren: Termine, Leitfäden, Diagramm-Konventionen, Versionierung.
- Durchführung & Konsolidierung: Evidenz sammeln, Modelle zeichnen, KPIs rechnen.
- Validierung: Walkthrough mit Fachbereich; „stimmt das so?“ – erst dann freigeben.
Methoden der Prozessaufnahme im Detail
- Interviews: Strukturierte Leitfäden; immer Beispiele und echte Belege erfragen.
- Beobachtung (Gemba): Dort hingehen, wo Arbeit passiert. Stoppuhr schlägt Bauchgefühl.
- Dokumentenanalyse: SOPs, Arbeitsanweisungen, Mails, Tickets – Realität vs. Papierlage.
- Shadowing: Einer arbeitet, einer schaut zu und fragt leise „Warum?“
- Task-Mining/Screen-Recording: Klickpfade und Zeit pro Aktivität objektiv erfassen.
- System-Logs & Event-Daten: Timestamps für Durchlaufzeiten, Wartezeiten, Reworks.
- Ticket-/CRM-Daten: Volumina, SLAs, Eskalationen – perfekte Quelle für Varianten.
- SIPOC & Swimlanes: High-Level-Rahmen (SIPOC) plus Verantwortlichkeiten (Swimlane).
Einsatzpotenziale und messbarer Nutzen
Mit einer sauberen Prozessaufnahme bekommen Sie:
- Transparenz über Durchlaufzeiten, Engpässe und Fehlerquellen.
- Priorisierung von Verbesserungen (80/20 statt „Laute-Rufe-Prinzip“).
- Automatisierungs-Roadmap: Was lässt sich standardisieren, was besser nicht?
- Training & Onboarding: Kontextbezogene SOPs verkürzen Ramp-up-Zeiten.
- Audit-Sicherheit & Compliance: Nachvollziehbarkeit von Kontrollen und Risiken.
- Bessere KPI-Steuerung & Skalierbarkeit: Von Bauchgefühl zu belastbaren Zahlen.
Typische Fallstricke – und wie man sie vermeidet
- Nur den Happy Path erfassen → Varianten & Ausnahmen systematisch mitdokumentieren.
- Rollen verwechseln (Owner ≠ Ausführer) → RACI einsetzen.
- Tool-Perspektive statt Kundensicht → Kunden-Trigger, -Wartezeit, -Outcome explizit.
- Fehlende Versionierung → Namenskonventionen, Änderungslog, Freigabedatum.
- Zu viel Detail → BPMN-Light, 5–7 Hauptschritte pro Ebene.
- Keine Re-Validierung → Walkthroughs, Abnahme, Review-Zyklen.
- Keine Datentriangulation → Interview + Log + Ticketdaten kombinieren.
Artefakte und Dokumentationsstandards
- BPMN-Light: Start/Ende, Aktivitäten, klare Gateways (XOR/AND), Events.
- RACI/Verantwortungsmatrix: Wer ist Responsible, Accountable, Consulted, Informed?
- Inputs/Outputs & Trigger/Events: Was löst aus, was entsteht?
- Business Rules: Entscheidungslogik, Checklisten, Service-Level.
- Varianten & Ausnahmen: Nummeriert, mit Eintrittswahrscheinlichkeit.
- Kontrollpunkte: SoD, Vier-Augen, Plausibilitäten.
- System- und Datenobjekt-Bezug: Tabellen/Felder, Schnittstellen, Datenqualität.
Rollen, Governance und Kultur
- Process Owner verantwortet Inhalt & KPI, Product Owner verantwortet Tool/Plattform.
- Prozess-Reporter (Moderator/Dokumentierer) ≠ Fachexperten (Content).
- Moderationsregeln: Timebox, Parking Lot, Evidenzpflicht.
- Freigabeworkflow & Änderungslog: Jede Änderung ist nachvollziehbar.
- Review-Zyklen (z. B. quartalsweise).
- Working out loud: Offen teilen, was sich ändert – Akzeptanz steigt, Silos schrumpfen.
Werkzeuge und Templates
- Interview-Checklisten & Notion/Confluence-Vorlagen.
- Whiteboard-Tools (Miro/Lucid) für Kollaboration.
- Diagramm-Tools (Signavio, Visio, draw.io) – Keep it simple.
- Process-/Task-Mining für objektive Daten.
- Repository-Struktur mit Namenskonventionen (z. B.
OTC_1.2_Invoicing_v1.3_2025-11-15).
Praxisbeispiele und Trends
- Order-to-Cash: DSO senken durch sauberes Billing-Gateway.
- Rechnungsprüfung: Automatisierte 3-Way-Match-Kontrollen priorisieren.
- Reklamationsprozess: Varianten sauber trennen (Garantie, Kulanz, Logistik).
- IT-Joiner/Leaver: Zugriffskontrollen, SoD, Audit-Trail.
Trends: AI-gestützte Process Discovery, kontextbezogene SOPs, Self-Service-Dokumentation, Automations-Playbooks mit messbarer Benefit-Hypothese.
Leitfaden für die eigene Einführung (kompakt)
- Start mit wertkritischem Prozess und klarer Kundensicht.
- 5–7 Hauptschritte, 2–3 Rollen, ein KPI-Set (Durchlaufzeit, First Pass Yield).
- Evidenz triangulieren (Interview + Log + Ticket).
- Varianten dokumentieren, Eintrittswahrscheinlichkeit & Effekte.
- Mit Fachbereich validieren, Abnahme festhalten.
- Governance festlegen (Owner, RACI, Freigabe, Review-Zyklus).
- Erst dann: Soll-Design entwerfen und Automatisierung priorisieren.
Mini-Beispiel: BPMN-Light in drei Zeilen
- Start: Kunde sendet Bestellung (Event).
- Aktivitäten: Prüfen → Buchen → Ausliefern → Faktura → Zahlung zuordnen.
- Gateways: Prüfung ok? (XOR) → Ja: weiter; Nein: Rückfrage/Abbruch mit Regel „>1000 € = Vier-Augen“.
Schlussfolgerung
Wer den Ist-Prozess aufnimmt, gewinnt kein schönes Poster, sondern steuerbare Realität. Mit Datentriangulation, BPMN-Light und klarer Governance schaffen Sie Transparenz, Priorität und die Basis für nachhaltige Automatisierung – ganz ohne Prozess-Voodoo, aber mit spürbarem Business-Impact.
Key Facts
- Ist-Prozess aufnehmen schafft Transparenz für echte Verbesserungen.
- Datentriangulation verhindert blinde Flecken und Bias.
- Leichtgewichtige Standards (BPMN-Light) erhöhen Akzeptanz.
- Dokumentation + Governance sind die Basis für Automatisierung.


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