Process Design Thinking verbindet Kreativität und Struktur, richtet Prozesse an der Strategie aus und liefert messbare Ergebnisse – ideal für Transformation 2.0

Wettbewerbsdruck, Effizienz und Kundenzentrierung: Drei Kräfte, die Unternehmen heute wie ein Espresso dreimal täglich wachrütteln. Process Design Thinking hilft, aus hektischem Reagieren ein strukturiertes Vorangehen zu machen. Zentrale Begriffe kurz sortiert:

  • Process Design Thinking: Ansatz, der kreative Problemlösung mit systematischer Prozessgestaltung verbindet.
  • Strategische Prozessentwicklung: Ableitung von Prozesszielen direkt aus der Unternehmensstrategie.
  • End-to-End-Prozess: Durchgängiger Ablauf vom ersten Kundenimpuls bis zum erfüllten Wertversprechen.
  • Value Stream (Wertstrom): Sequenz wertschöpfender Schritte, die Kundennutzen erzeugen.

Was ist Process Design Thinking? Definition und Abgrenzung

Ursprünglich aus dem Design Thinking kommend, fokussiert Process Design Thinking auf Problem- und Zielbild, iteratives Prototyping von Prozesslösungen und konsequentes Testen mit Nutzer*innen. Statt sofort Operatives zu zementieren, werden Hypothesen sauber validiert: „Erst denken, dann standardisieren.“

Abgrenzung & Ergänzung:

  • Klassisches BPM strukturiert, dokumentiert und steuert Prozesse – Process Design Thinking liefert davor die ideenstarke, kundenzentrierte Lösungsfindung.
  • Lean Six Sigma minimiert Verschwendung und Variation – der Design-Ansatz priorisiert zunächst das „richtige“ Prozessdesign, bevor er das „richtige effizient“ macht.
  • Re-Engineering denkt radikal neu – Process Design Thinking reduziert das Risiko durch frühes Testen von Prototypen. Ergebnis: komplementär statt konkurrierend.

Strategischer Fit: Vom Unternehmensziel zum Prozessziel

Strategie ohne Prozesswirkung ist PowerPoint mit Bonusmeilen. Der Fit gelingt mittels OKR/KPI-Kaskade:

  1. Unternehmensziele (z. B. Kundenbindung +15 %).
  2. Bereichs-OKRs (z. B. First-Contact-Resolution auf 80 %).
  3. Prozess-KPIs (z. B. Durchlaufzeit ≤24 h, Rework-Quote <5 %).

Wählen Sie kritische Wertströme aus (Impact × Machbarkeit), formulieren Sie Impact-Hypothesen und füllen Sie ein Zielbild-Canvas für Prozesse (Kundennutzen, Datenflüsse, Regeln, Risiken). Dazu klare Governance:

  • Process Owner verantwortet Zielbild, KPIs, Backlog.
  • Journey Owner sichert den End-to-End-Kundennutzen über Silogrenzen hinweg.
  • Process Council priorisiert, löst Zielkonflikte und schützt Standards.

Nutzen und Einsatzpotenziale

  • Höhere Kundenzufriedenheit durch Journey-Fokus: Wir gestalten nicht nur Schritte, sondern erlebbaren Nutzen.
  • Schnellere Iterationen via Prototyping & Simulation: Klickbare Flows, Mock-UIs, Service-Blueprints – lieber dreimal „falsch auf Papier“ als einmal „falsch in Produktion“.
  • Bessere Automatisierungsreife: Task/Process Mining liefert harte Evidenz für Bottlenecks und Varianten.
  • Risikoreduzierung: Frühzeitige Validierung senkt Fehlinvestitionen; Compliance-Checks werden Teil des Prototyps, nicht Nachsorge.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Technik: Schnittstellenwildwuchs, Datenqualität, Tool-Sprawl.
Lösung: Plattform-Guidelines, Referenzarchitektur, API-Standards (Versionierung, Idempotenz, Event-Schemas).

Organisation: Silos und unklare Ownership.
Lösung: Process Council, saubere RACI, Produkt-/Prozess-Teams mit gemeinsamer Priorisierung (ein Backlog, nicht fünf).

Kultur: Angst vor Experimenten und „Es war schon immer so“.
Lösung: Hypothesen-Backlog, schnelle Tests, eine gelebte Fehlerkultur („Fail fast“ heißt „Lerne früh“, nicht „Scheitere öfter“).

Praxisbeispiele und aktuelle Trends

  • Service-Blueprints für Omnichannel: Frontstage/Backstage sichtbar machen, Wartezeiten, Übergaben, Datenflüsse – plötzlich werden Handovers messbar.
  • Low-Code-Prototypen in Fachbereichen: Fachlich valide, IT-nah, mit Guardrails. So wird die Lücke zwischen Idee und Umsetzung kleiner als ein Post-it.
  • KI-gestützte Prozessanalyse: Mining erkennt Muster & Abweichungen; NLP priorisiert Anträge oder triagiert E-Mails; Generative KI unterstützt Regelentwürfe und Dokumentation.
  • Citizen Development mit Leitplanken: Rollen, Review-Gates, wiederverwendbare Komponenten – Freiheit mit Airbag.
  • Trend: Digitaler Prozess-Twin & Simulation: Was-wäre-wenn-Szenarien (Lastspitzen, Policy-Änderungen) werden klickbar durchgespielt, bevor reale Kund*innen betroffen sind.

Leitfaden für die Einführung in der eigenen Praxis

  1. Startpunkt wählen: Priorisierter Wertstrom mit klaren KPIs (z. B. NPS, Durchlaufzeit, Cost-to-Serve).
  2. Team aufstellen: Cross-funktional (Business, IT, Operations, Risk/Compliance, Data).
  3. Problemraum klären: Research, Journey-Map, Pain-Points, regulatorische Constraints; Hypothesen sauber formulieren.
  4. Lösungsraum öffnen: Ideation entlang von Werttreibern; Prozess-Blueprint (E2E-Sicht), klickbarer Prototyp (UI/Flow), Datenobjekte & Events definieren.
  5. Validierung: Mit echten Nutzenden testen; A/B-Varianten, Service-Level-Simulation; Erfolgskriterien vorab festlegen.
  6. Umsetzungs-Roadmap: Von Pilot zu Scale: Workflow-Plattform/RPA/Low-Code, Integrationspakete, Security & Compliance by Design.
  7. Governance verankern: Rollen (Process Owner, Journey Owner), Rituale (Review, Retro, Council), Metriken (Leading & Lagging), regelmäßige Review-Zyklen.

Messung: Von Hypothese zu Wirkung

  • Leading KPIs (z. B. Touchpoint-Fehlerquote, Automationsgrad) zeigen frühe Wirkung.
  • Lagging KPIs (z. B. NPS, Churn, OPEX) bestätigen den Geschäftsnutzen.
  • OKR-Check-ins sorgen dafür, dass Experimente nicht zu Dauerpiloten verstauben.
  • Transparenz: Ein einfaches, geteiltes Process Scorecard-Dashboard macht Fortschritt sichtbar – Ampel statt Bauchgefühl.

Change-Beschleuniger (mit einem Augenzwinkern)

  • Zwei-Pizza-Teams: Wenn die Pizza nicht reicht, ist das Gremium zu groß.
  • Definition of Ready/Done auch für Prozesse: „Fertig“ heißt messbar, getestet, dokumentiert.
  • „Kein Tool ohne Regel“: Jede Plattform bekommt einen Owner, einen Standard und eine Schulung.

Key Facts

  • Process Design Thinking verbindet Strategie, Kundennutzen und Prozessmessung.
  • Prototyping und Tests senken Risiko und beschleunigen Umsetzung.
  • Klare Governance und Datenstandards sind Erfolgsfaktoren.
  • Mining, Low-Code und KI erhöhen Automatisierungs- und Skalierungspotenzial.

Fazit

Process Design Thinking stärkt die Brücke zwischen Strategie und Ausführung. Wer Wertströme priorisiert, Hypothesen testet, prototypisiert und Governance ernst nimmt, verbessert nicht nur Prozessqualität und Automatisierungsreife, sondern vor allem den Kundennutzen. Oder kurz: weniger Folien, mehr Flow – und messbare Wirkung, die bleibt.