Früher war alles besser – oder zumindest einfacher. Prozesse wurden analysiert, indem man mit Klemmbrett und Stoppuhr bewaffnet durch die Produktion schlich oder im Büro nach dem Motto „Wer macht eigentlich was – und warum dauert das so lange?“ forschte. Doch willkommen im Zeitalter der digitalen Transformation: Hier übernimmt Process Mining diese Detektivarbeit – datenbasiert, objektiv und (fast) in Echtzeit.

Aber was genau ist dieses Process Mining, und warum wird es zunehmend als strategisches Steuerungsinstrument gefeiert? Der folgende Beitrag beleuchtet nicht nur die Technologien und Methoden hinter diesem Ansatz, sondern zeigt auch, wie Unternehmen damit nicht nur Prozesse verbessern, sondern gleich die gesamte Organisation intelligenter steuern können.

Was ist Process Mining?

Process Mining ist eine technologiegestützte Methode zur Analyse und Visualisierung realer Geschäftsprozesse auf Basis von digitalen Spuren – sogenannten Event Logs – aus IT-Systemen wie ERP, CRM oder Workflow-Plattformen. Im Gegensatz zur klassischen Prozessanalyse, die meist auf Interviews, Workshops oder Annahmen basiert, zeigt Process Mining, wie Prozesse tatsächlich ablaufen. Nicht wie sie sollen, nicht wie man denkt – sondern wie sie wirklich sind. Das kann für manche Manager schon mal zum digitalen Kaltwasserschock werden.

Warum gewinnt Process Mining an strategischer Bedeutung?

Weil in einer Welt voller Daten auch die Steuerung von Unternehmen datengetrieben sein sollte. Process Mining liefert hierfür die Grundlage. Es schafft Transparenz in Abläufen, deckt Reibungsverluste auf und erlaubt eine Steuerung von Geschäftsprozessen, die nicht auf Bauchgefühl, sondern auf Fakten basiert. Gerade im Kontext der digitalen Transformation und datengetriebenen Entscheidungsfindung wird es damit zum strategischen Gamechanger.


Process Mining im Überblick: Technologien und Methoden

Wie funktioniert Process Mining eigentlich?

Herzstück sind die Event Logs – digitale Protokolle, die in fast jedem System unbemerkt mitlaufen. Process Mining-Tools extrahieren diese Daten, rekonstruieren daraus Prozessmodelle und visualisieren sie. Auf einen Blick wird sichtbar, wo Abweichungen vom Sollprozess auftreten, wie lange einzelne Prozessschritte dauern oder wo Flaschenhälse und Schleifen auftreten.

Welche Arten von Process Mining gibt es?

  • Discovery: Der Klassiker – der Ist-Prozess wird auf Basis der Daten automatisch rekonstruiert.
  • Conformance: Der Realitätscheck – wie stark weicht der Ist-Prozess vom definierten Sollprozess ab?
  • Enhancement: Die Kür – bestehende Prozesse werden durch zusätzliche Informationen (z. B. Kosten, Ressourcen) angereichert.

Welche Tools führen den Markt an?

Bekannte Namen sind Celonis, UiPath Process Mining, Software AG (ARIS Process Mining) und Signavio (Teil von SAP). Sie unterscheiden sich hinsichtlich Usability, Integrationsmöglichkeiten und KI-Features – doch eines haben sie gemeinsam: Sie bringen Licht ins Dunkel der Prozesslandschaft.


Strategische Potenziale: Mehr als nur Prozessoptimierung

Wie lässt sich Process Mining strategisch nutzen?

Nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern auch zur übergreifenden Steuerung. Unternehmen nutzen Process Mining zunehmend, um Performance Management zu professionalisieren: Wo klemmt es? Welche Bereiche laufen stabil? Welche KPIs lassen sich automatisiert überwachen?

Wie hilft Process Mining bei Risiken und Reorganisationen?

Durch die Analyse historischer Prozessdaten lassen sich Risiken frühzeitig erkennen – etwa wenn bestimmte Prozesspfade systematisch zu Verzögerungen führen. Auch bei M&A, Restrukturierungen oder der Einführung neuer Digitalstrategien dient Process Mining als objektiver Kompass.

Echtzeitsteuerung – Realität oder Vision?

Dank moderner Tools ist eine (nahezu) Echtzeitsteuerung kein Wunschtraum mehr. Alerts bei Prozessabweichungen, Dashboards mit Live-Daten und KI-gestützte Prognosen ermöglichen ein proaktives statt reaktives Management.


Herausforderungen bei der Einführung als Steuerungsinstrument

Was sind die technischen Hürden?

Ohne solide Datenbasis kein Mining: Schlechte Datenqualität, fragmentierte IT-Landschaften und fehlende Event Logs können die Einführung erschweren. Auch Skalierungsfragen bei großen Datenmengen spielen eine Rolle.

Wie steht es um Organisation und Kultur?

Process Mining erfordert klare Governance-Strukturen, definierte Rollen und ein durchdachtes Change Management. Oft begegnet man kulturellen Barrieren: Misstrauen gegenüber datenbasierter Transparenz oder Angst vor Kontrolle sind nicht selten.

Was tun?

Mit kleinen Pilotprojekten starten, Erfolgserlebnisse kommunizieren, gezielt schulen und die Belegschaft mitnehmen – das ist kein Hexenwerk, aber verlangt Fingerspitzengefühl. Oder wie ein CIO kürzlich sagte: „Am Ende ist Process Mining weniger Technik als Teamwork.“


Praxisbeispiele und aktuelle Trends

  • Industrie: Automatisierte Produktionsprozesse werden durch Process Mining schlanker und robuster.
  • Finanzwesen: Optimierung von Kreditantragsprozessen, Compliance-Prüfungen, Betrugserkennung.
  • Öffentlicher Sektor: Verkürzung von Verwaltungsprozessen, verbesserte Bürgerservices.

Wo geht die Reise hin?

Process Mining wird zunehmend mit Künstlicher Intelligenz kombiniert. Predictive Process Monitoring erlaubt es, Probleme zu erkennen, bevor sie entstehen. Hyperautomation – also die Kombination aus RPA, Process Mining und AI – ist der nächste logische Schritt.


Key Facts

  • Process Mining als strategisches Steuerungsinstrument hebt Prozessanalysen auf ein völlig neues Level: objektiv, datenbasiert, in Echtzeit.
  • Es dient nicht nur der Optimierung, sondern unterstützt auch die Unternehmenssteuerung, Risikoüberwachung und Transformation.
  • Der Erfolg hängt stark von technischer Integration, organisationaler Reife und kultureller Offenheit ab.

Fazit

Wer heute Prozesse managen will, braucht mehr als gute Absichten – er braucht Daten, Transparenz und Mut zur Veränderung. Process Mining liefert genau das: die Brücke zwischen operativer Realität und strategischer Steuerung. Und wer jetzt denkt, das sei nur was für die Großen – dem sei gesagt: Auch der Mittelstand kann von einem digitalen Blick in die eigenen Prozesse gewaltig profitieren. Man muss nur hinschauen wollen.